Leana und Mika – Spuk auf Burg Katzenstein, Kapitel 4

Mika konnte nicht einschlafen. Er lag im Bett und starrte auf das fahle Steifenmuster, das der Vollmond durch die Spalten der Fensterläden warf. Auch Leanas gleichmäßiges Schnaufen machten ihn kein bisschen schläfrig. Das Kissen war zu dick, die Matratze zu weich und jedes Mal, wenn er sich nur ein bisschen bewegte, quietschte das Bett fürchterlich. Er hörte Papas Schritte, als dieser im Wohnzimmer mit seinem Laptop hin und her ging, um den besten Empfang für das Internet zu finden. Als Papa schließlich den großen Sessel ans Fenster schob, knarzte es laut und Papa horchte erschrocken auf, ob eines der Kinder davon aufgewacht war. Wie auch, Mika hatte ja noch keine Sekunde geschlafen. Leana dagegen brummelte nur leise im Schlaf.
Jetzt hörte Mika das Tippen auf der Tastatur und das leise Klicken der Maus. Durch die angelehnte Tür fiel ein schwacher Lichtschein und er drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Die kleine Glocke der Burgkapelle schlug drei Mal, es war dreiviertel zehn.

„Wie geht es dir Schatz?“, hörte Mika seinen Papa leise fragen. Er telefonierte mit Mama und Mika krabbelte aus dem Bett und spickte vorsichtig durch den Türspalt.
„Kribbeln in den Beinen ist gut, oder nicht?“, fragte Papa besorgt.
Mika konnte nicht hören was Mama sagte, aber Papa freute sich über ihre Antwort. Mama ging es also besser! Mikas Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer.
„Deinen Schnuckelputzels geht es prächtig“, antwortete Papa nun. „Die finden es hier auf der Burg ‘total geil’.“
Schnuckelputzels! Mika und Leana mochten es ganz und gar nicht, wenn Mama sie so nannte. Jedes Mal entrüsteten sie sich lauthals, was zu noch verrückteren Bezeichnungen führte und damit endete, dass alle einander kitzelten und sich lachend auf dem Fußboden rollten. Mika musste grinsen, wenn er daran dachte. Es wäre toll, wenn Mama jetzt bei ihnen wäre und sie dürfte auch die ganze Zeit Schnuckelputzel zu ihm sagen. Aber das ging ja leider nicht.
„Ähm…..“, stotterte Papa nun und machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Also, Tante Vicki – die, ähm, die haben wir nicht mitgenommen“, gab Papa beschämt zu. Verlegen spielte er mit dem Socken, den Oma ihm als Hülle für sein Handy gestrickt hatte.
„Ist Greta gerade bei dir?“, fragte er dann vorsichtig.
Es folgte eine längere Pause. Anscheinend sprach nun Oma Greta mit Papa. Dieser sah immer betretener drein und ließ die Standpauke über sich ergehen.
„Ja, Greta“, versicherte Papa. „Ja, ich verspreche, ganz besonders auf die Kinder aufzupassen.“ Papa nickte, obwohl Oma ihn ja gar nicht sehen konnte.
„Ja, sie haben beide ihre Halsketten an und ja, natürlich ruf ich dich sofort an, wenn irgendetwas Ungewöhnliches passieren sollte“, beteuerte Papa, schüttelte dabei aber irritiert den Kopf.
Mika konnte genauso wenig verstehen, warum Oma so ein Aufhebens um die ganze Sache machte und was ist bitteschön ‘etwas Ungewöhnliches’?
Papa verabschiedete sich und legte auf.
Mika schlich wieder zurück ins Bett und dachte noch lange über das Telefongespräch nach. Er hörte noch die kleine Glocke elf Uhr schlagen, bevor auch er hinab ins Reich der Träume glitt.

Mika schreckte auf. Er hatte eine schlimmen Alptraum gehabt, in dem Gespenster ihn auf einen hohen Turm jagten, bis ganz nach oben. Dann begannen sie zu pusten und der Turm drohte einzustürzen. Er rutschte über den Rand der Mauer und hielt sich an einer Zinne fest. Doch der Turm neigte sich immer weiter und er verlor den Halt. Er fiel und fiel und wachte zum Glück in diesem Moment auf. Sein Herz raste und seine Haare klebten nassgeschwitzt am Kopf. Er wälzte sich aus dem Bett und öffnete die Tür. Im schwachen Licht sah er, dass Papa im Sessel eingeschlafen war und leise schnarchte. Er tapste zurück und tastete mit den Händen nach Leanas Bett. Normalerweise wäre er ja zu Mama ins Bett geschlüpft, aber die war ja nicht da. Er hob vorsichtig die Decke und kuschelte sich an Leana. Natürlich wachte Leana kurze Zeit später auf und bemerkte, dass sie nun ganz dringend mal auf die Toilette musste. Also krabbelte sie über ihren Bruder und aus dem Bett.
Ein spitzer Aufschrei aus dem Bad ließ Mika zusammenfahren. Er lief schnell aus dem Kinderzimmer und stieß mit Papa zusammen, als dieser sich schlaftrunken aus dem Sessel erhob. Sie fanden Leana im Bad. Barfuß und leicht zitternd stand sie in ihrem lila Nachthemd auf dem Klodeckel. Sie zeigte mit dem Finger auf den Boden neben der Dusche.
„Da! Da war eine Maus!“ Leana fuchtelte wild mit ihrem Arm.
„Du hast Angst vor einer Maus?“, fragte Papa verschlafen und verwirrt.
„Nein, Mäuse sind süß, aber die, die hat mich fürchterlich erschreckt“, sagte Leana und schnappte dabei immer noch etwas nach Luft.
Sie kletterte wieder auf den Boden und alle suchten nun gemeinsam nach der Maus. Mit den Fingern fühlten sie an den Leisten entlang und bohrten vorsichtig mit dem Finger in jede Ritze, doch nirgends war eine Maus oder ihr Mauseloch zu finden. Leana musste sich getäuscht haben.
„Es war eine Maus. Da bin ich mir ganz sicher!“, bekräftigte sich noch einmal.
Papa war müde und meinte, dass sie wahrscheinlich nur einen Schatten gesehen hätte, da die Energiesparlampe erst nach ein paar Minuten richtig hell leuchten würde. Sie suchten trotzdem weiter.
„Und ich hatte doch recht!“, rief Leana plötzlich triumphierend. „Es war eine Maus! Nein, es ist eine Maus – und was für eine!“
Mika und Papa schauten auf. Leana zeigte auf ein kleines, braunes Ding, dass kopfüber am Holzbalken über ihnen baumelte. Leana hatte keine Feld- oder Hausmaus gesehen, sondern eine Fledermaus. Ihre ledernen Flügel waren wie ein trockenes Blatt um ihren pelzigen, braunen Körper gewickelt. Sie musste durch das halb geöffnete Fenster herein geflogen sein.
„Und wie bekommen wir sie wieder raus?“, fragte Mika.
„Wir machen das Fenster weit auf und lassen sie einfach in Ruhe. Bestimmt wird sie von alleine wieder hinaus finden“, meinte Papa zuversichtlich.
Es dauerte eine ganze Weile, bis alle nach dieser Aufregung wieder eingeschlafen waren.

Es war auch der Grund, warum am nächsten Morgen keiner den Wecker hörte und alle verschliefen. Mika wachte als Erster auf und ging ins Bad, um kurz darauf lautstark zu verkünden, dass die Fledermaus nun nicht mehr da sei. Nach dem Frühstück war es dann zu spät, um noch einen Ausflug zu machen. Papa beschloss daher, dass es besser wäre auf der Burg zu bleiben. So könnten sie später noch bei der Hochzeit zusehen.

Die Sonne hatte die letzten Nebelschwaden weggebrannt. Die Katzen schliefen auf den von der Sonne angewärmten Treppenstufen zum Palas und Leana war froh, dass sie ihre Jacke gleich in der Ferienwohnung gelassen hatte. Die kleineren Kinder rumpelten mit den Kettcars über das Kopfsteinpflaster während Frau Mälzer eine Rosengirlande über der Kapellentür befestigte. Die großen Jungs und zwei ältere Mädchen saßen in der Nähe der Feuerstelle und Mika und Leana spielten mit Tim, Sarah, Merit und Jan Verstecken. Papa hatte es sich mit der Samstagszeitung auf der Bank neben dem alten Ziehbrunnen gemütlich gemacht. Am Brunnen war auch das Abschlagmal, an dem Merit stand und mit geschlossenen Augen langsam auf 50 zählte.

Leana lief über die warmen Pflastersteine des Burghofs in den kühlen Schatten des großen Burgtors. Links und rechts konnte man in zwei kleine, hohe Räume schlüpfen, die weit oben einen langen, tiefen Spalt hatten und durch die früher die schweren, eisernen Ketten der Zugbrücke führten. Die hölzerne Zugbrücke war inzwischen einer geteerten Steinbrücke gewichen und statt der eisernen Ketten fand Leana dort nur Sarah und Jan versteckt. Also musste sie sich schnell ein anderes Versteck suchen.

Sie hörte Merit rufen: „50! Ich komme!“

Vorsichtig lugte Leana nach draußen, Merit schaute in die andere Richtung und Leana glitt aus dem Schatten des Burgtors, lief auf die andere Seite der Zugbrücke und ließ sich auf den Popo fallen. Über trockene, lose Erde rutschte sie in den Burggraben. Es kam ihr so vor, als ob sie in eine fremde Welt eintauchte. Plötzlich waren die Rufe der Kinder, das Rattern der Kettcarräder auf den Pflastersteinen im Burghof und das trällernde Radio in einer der Ferienwohnungen verstummt. Leana bahnte sich einen Weg durch die Holunderbüsche mit ihren breiten, weiß-gelben Blütendolden. Ein kleiner, ausgetretener Pfad führte rings um die Burg und die Luft war schwer vom Duft der blühenden, violetten Fliederbüsche und Kletterrosen. In der warmen Sonne standen kleine Pfirsichbäume und ihre Baumkronen schienen vom Summen der Bienen in ihren rosafarbenen Blüten zu vibrieren. Immer wieder verhedderte sich Leana in den langen Ranken des Efeus, die über den Pfad wuchsen und sich in den Ritzen der Burgmauer festkrallten. Ihre herzförmigen, dunkel glänzenden Blätter reichten an vielen Stellen bis zu den Zinnen empor. Leana vergaß das Versteckspiel. Sie setzte sich auf den Weg, mitten zwischen Schafgarbe und Kamille und beobachtete die kleinen Krabbler zwischen den Stängeln auf ihren sechs, acht oder hundert Beinen. Transparente Flügel blitzten im gleisenden Sonnenlicht und ab und an sah sie die silbrig-blau schwirrenden Flügel einer Libelle.
Da raschelte es hinter ihr und Leana blickte erschrocken über ihre Schulter. Ihr fiel wieder ein, dass sie sich ja eigentlich ein Versteck suchen wollte und fragte sich, ob Merit sie bereits gefunden hatte. Aber sie konnte niemand entdecken. Sie spürte ihr Herz laut pochen. Wieder hörte sie das Rascheln. Sie drehte sich um und stand auf. Es kam vom Holunderstrauch, aber die Sonne blendete sie so stark, dass sie in dessen Schatten nichts erkennen konnte. Vielleicht war es ein Hase. Oder ein Katze. Vielleicht auch nur eine Amsel, die im Laub wühlte. Vorsichtig ging sie näher und machte dann einen Riesensatz zurück, als ihr plötzlich zwei große Augen entgegen funkelten.
Langsam wich sie zurück, Schritt für Schritt. Egal was dort saß, Leana wollte es auf keinen Fall reizen und ihm einen Anlass geben sie anzufallen. Die Augen schauten sie noch immer unverwandt an, als sich die Silhouette eines schwarzen, großen Hundes aus dem Dunkeln des unförmigen Schattens unter dem Strauch löste.
Leana hielt sich immer für sehr hundelieb und hatte keine Angst vor ihnen, aber plötzlich so ganz allein einem so großen Hund gegenüberzustehen war ihr unheimlich. Weit und breit war niemand zu sehen, dem der Hund vielleicht gehörte.

„Wuff!“

Leana erstarrte. Ein leise Stimme in ihrem Kopf befahl ihr zu laufen, während eine andere immer wieder flüsterte ‘Abwarten! Ruhig bleiben!’
Der Hund war nachtschwarz, aber seine Augen waren hellblau, wie die eines Huskies. Er hatte ein hellgrünes Halsband, das ihm ziemlich lose um den Nacken hing. Also gehörte er doch jemandem. Irgendwie kam Leana der Hund so merkwürdig vertraut vor. Es sah fast genauso aus, wie Ricky, der schwarze Labrador ihres Nachbarn. Ricky hatte auch blaue Augen und ein grünes Halsband. Komisch.

„Eins, zwei, drei, ich seh dich Leana!“, rief Merit von der Zugbrücke herunter.

Als Leana wieder auf den Holunderstrauch sah, war der Hund verschwunden, nur ein paar dornige Brombeerranken schaukelten verräterisch hin und her.
Leana ging zurück und kletterte die Böschung wieder hinauf.

„Jetzt fehlt mir nur noch dein kleiner Bruder“, meinte Merit und zusammen gingen sie zurück in den Burghof, wo Tim, Jan und Sarah schon am Brunnen warteten.
Papa meinte, dass sie in einer Viertelstunde zu Mittag essen wollten und die Kinder beschlossen, dass sie sich aufteilen und alle nach Mika suchen sollten.

Mika hatte Leana erzählt, dass Flocke, die kleine Katze so gerne im Kräutergarten der Burg auf einer Treppe schlief, deshalb versuchte es Leana dort zuerst.
Hinter der Grillstelle gab es einen engen Durchgang in der Burgmauer und über eine schmale Steintreppe gelangte man in den Kräutergarten. Die Burgmauer bildete an dieser Stelle ein flaches U, in dem der Garten eingebettet lag. Die offene Seite war von einer zweiten, etwas niedrigeren Mauer geschützt.
Tatsächlich konnte Leana eine weißes Kätzchen auf der obersten Stufe einer Steintreppe entdecken, die seitlich an der Burgmauer hoch ging und oben im Mauerwerk endete. Falls dort jemals eine Türe oder ein Durchgang war, wurde er vor langer Zeit zugemauert.

„Mika!“, rief Leana und schaute sich um.
Die Rhabarberblätter teilten sich und ein brauner Wuschelkopf kam zum Vorschein.
„Ich dachte, Merit muss suchen!“, wunderte sich Mika.
„Wir essen gleich, komm mit“, sagte Leana und Mika krabbelte aus seinem Versteck heraus.
„Schau mal!“, Leana deutete auf das Mädchen, das zwischen Rosenstrauch und Steintreppe an der Mauer stand. „Spielt die auch mit?“
„Sie hat sich jedenfalls nicht besonders gut versteckt“, bemerkte Mika.
„He du!“, rief Leana. „Spielst du auch mit beim Verstecken?“
Das Mädchen drehte sich zu den Kindern um und lächelte.
„Oh! Das ist das Mädchen aus dem Turm!“, rief Mika aufgeregt. Jetzt konnte er sich endlich bedanken und nach ihrem Namen fragen. Er lief auf sie zu, doch plötzlich stoppte er. Das Mädchen hatte sich in Luft aufgelöst.
„Sie ist weg!“, entfuhr es Mika.
Leana schaute ungläubig auf die leere Stelle neben dem Rosenbusch.
„Wo ist sie hin? Und woher kennst du sie?“, fragte Leana.
Mika erzählte seiner Schwester, wie das Mädchen plötzlich im Turm aufgetaucht war. Er ließ den Teil weg, als sie ihm zeigte, wie er wieder vom Turm herunter steigen könnte und endete damit, dass das Mädchen, genau wie eben, auf einen Schlag nicht mehr da war.
Sie hörten die anderen Kinder nach ihnen rufen und einigten sich, dass sie den anderen am Besten nichts davon erzählen sollten. Schnell liefen sie zurück.

Mika und Leana – Spuk auf Burg Katzenstein, Kapitel 3

Die Sonne schien warm auf Leanas Arme und der Wind zerzauste ihre langen, blonden Locken. Ihr Blick verlor sich irgendwo in der Ferne. Warum konnte sie kein Vogel sein? Sie würde die Flügel ausbreiten, sich von den Turmzinnen abstoßen und durch die Lüfte gleiten. Menschen wären so klein wie Ameisen und die Autos würden wie Marienkäfer auf einer Schnur durch die grüne Landschaft krabbeln. Sie fühlte die warme Hand ihres Vaters auf ihrer Schulter.
„Wo ist denn Mika? Ist er nicht mit hochgekommen?“, fragte Papa besorgt.
„Keine Ahnung. Auf der Treppe war er noch hinter mir.“
Sie beugte sich noch etwas weiter nach vorne.
„Vielleicht war es ihm mal wieder zu hoch“, murmelte Leana.
Da entdeckte sie am Fuß des Turmes die blaue Jacke und den braunen Wuschelkopf ihres Bruders.
„Da unten sitzt er!“, rief Leana und deutete mit dem Finger hinunter.

Sie hörten, wie Herr Flinspach die Gruppe zusammenrief, damit sie alle wieder hinuntersteigen und den Rundgang fortsetzen konnten.
Fliegen zu können wäre wohl das Letzte, was sich ihr kleiner Bruder mit seiner Höhenangst wünschen würde. Sie dachte an das enge Angstloch und verkniff sich die Hänseleien, als Mika sich wieder im Burghof der Gruppe anschloss.

Herr Flinspach führte die Feriengäste als nächstes zum Hauptgebäude der Burg, dem Palas. Obwohl es draußen angenehm warm war, war es im Innern des Palas ziemlich kühl und Leana fröstelte es in ihrem dünnen Pullover. Die Fenster waren zu klein, um genügend Licht in die große Halle und das Treppenhaus zu lassen, daher knipste Herr Flinspach die Lampen an den Wänden an. Sie waren wie Fackeln geformt und ihr gelbes Licht flackerte wie echtes Feuer.

Im obersten Stock befand sich die Bibliothek. Schwere Regale aus dunklem Holz füllten fast den ganzen Raum und jedes Regal vollgepackt mit alten, staubigen Büchern.
„Hier im obersten Stock war früher die Kemenate, also das Schlafzimmer des Burgherren und seiner Familie. Wenn im Rittersaal unter uns ein Feuer im Kamin brannte, wurden auch die Räume hier darüber mitgeheizt. Abgesehen von der Burgküche waren das dann die einzigen warmen Räume auf der ganzen Burg. Gerne würde ich euch jetzt die alten Betten mit den Himmeln und den schweren Samtvorhängen zeigen“, sagte Herr Flinspach bedauernd, „aber leider ist das gesamte Stockwerk vor 500 Jahren völlig ausgebrannt. Erst vor wenigen Jahren, begann man mit der Restaurierung der Burg und dabei entdeckte man zufällig auch diese Bücher über dem alten Pferdestall. Man hat sie hier nach oben geschafft, weil es in den anderen Räumen es viel zu feucht wäre.

Leana strich mit den Fingern vorsichtig über die dicken, ledernen Buchrücken, bis Herr Flinspach die Kinder ermahnte, die Bücher nicht anzufassen, da sie sehr wertvoll und empfindlich seien. Schnell zog sie ihre Hand zurück und versteckte ihre staubigen Finger hinter ihrem Rücken.

Herr Flinspach zeigte auf einen alten Lageplan der Burg an einer der wenigen freien Wände.
„Zum ersten Mal erwähnt werden die Herren von Cazzenstein in einer Urkunde von 1099“, erläuterte Herr Flinspach. „Zunächst gab es nur den dicken Bergfried und ein paar Fachwerkhäuser, später wurde dann der Torturm und der Bering, das ist die dicke Ringmauer gebaut.“ Er zeigte auf die entsprechende Stellen auf dem Lageplan.
Mika knuffte Leana seinen Ellenbogen in die Seite. „Bering! Unser Nachname bedeutet Ringmauer!“, flüsterte er ihr aufgeregt zu.
„Nach und nach kamen dann noch zusätzliche Gebäude wie Ställe, Getreidespeicher, Schmiede und die Kapelle dazu“, fuhr Herr Flinspach fort.

Nun durften sie einen Stock tiefer in den großen Rittersaal. Morgen würde dort eine Hochzeitsfeier stattfinden und die Tische waren bereits alle festlich gedeckt und mit Rosen, Kerzen und roten Papierherzen geschmückt.
Herr Flinspach zeigte ihnen die Ahnengalerie an der langen Wand im Rittersaal. Es waren über zwanzig Gemälde in goldenen Rahmen, die die ehemaligen Burgherren und deren Frauen und Kinder zeigten.
Leana fragte sich, ob die Leute damals wirklich so hässlich waren oder ob die Maler nicht richtig zeichnen konnten, denn bis auf ein Bild von einem dunkelhaarigen Mädchen, hatten alle entweder eine Hakennase oder sie schielten. Mika fand die Gemälde langweilig und sah sich stattdessen die Ritterrüstung neben dem Kamin genauer an.
„Gibt es hier auch ein Gespenst?“, wollte Tim, ein kleiner, blondhaariger Jungem wissen.
Herr Flinspach schaute verschmitzt.
„Hier im Rittersaal bestimmt nicht, aber wir können ja mal im Burgverlies nachsehen“, antworte er. Tim war sich nicht sicher, ob das eine so gute Idee wäre, aber der Rest der Kinder war sofort Feuer und Flamme.

Vom Rittersaal aus führte sie Herr Flinspach durch die große Burgküche. Es roch lecker nach frischem Hefeteig. Frau Mälzer, die zusammen mit ihrem Mann das Schloss bewirtschaftete, stand am großen Tisch und formte den Teig zu Flachswickel.

Von der Küche aus ging es durch einen schmalen Durchgang und über eine Wendeltreppe hinunter ins Untergeschoss, das von einem enormen Gewölbe überspannt wurde. Wie schon im Mittelalter wurden diese Kellerräume nun wieder als Weinkeller und zum Lagern von Lebensmitteln benutzt. Weiter ging es durch niedrige, verwinkelte Gänge, die in den Fels gehauen waren, immer tiefer unter die Burg. Herr Flinspach ermahnte die Gruppe zusammen zu bleiben, denn sie wollten ja niemanden aus Versehen hier unten verlieren. Die Luft war abgestanden und roch modrig. Leana rümpfte die Nase. Die Keller waren fast alle leer, nur in einem dieser Gewölbe waren große, eiserne Ringe in verschiedenen Höhen in die Mauer eingelassen und an zwei dieser Ringe hingen Ketten mit Handfesseln herab.

„Hier wurden die Gefangenen und Verbrecher angekettet“, erklärte Herr Flinspach.
Leana fand es gruselig sich vorzustellen, wie hier Männer und Frauen angekettet waren und was man ihnen zur Strafe oder zum Erpressen eines Geständnisses angetan hatte. Wie viele wohl von ihnen hier gestorben sind?

Plötzlich hörte man das Rasseln der Ketten und alle schreckten heftig zusammen. Gab es hier doch Gespenster? Wollte sich einer dieser armen Seelen rächen?
Die kleine Sarah fragte ängstlich, ob sie bitte wieder nach oben gehen könnte und Herr Flinspach lüftete das Geheimnis. Er zeigte auf die Schnur, an der er gezogen hatte. Sie lief entlang einer Ritze im Mauerwerk und war an einer der Ketten geknotet. Alle waren erleichtert, dass es hier wohl doch keine spukenden Geister gab.

„Leana, glaubst du an Gespenster?“ fragte Mika seine große Schwester nachdenklich als sie wieder nach oben gingen.
„Keine Ahnung. Ich hab jedenfalls noch keines gesehen“, antwortete Leana. „Auf jeden Fall gibt es keine, die mit einem Bettlaken umherschweben“, fügte sie hinzu. „Vielleicht an Geister. Oma glaubt nämlich ganz fest an sie.“
Mika nickte. Oma erzählte oft von Jeremy aus Amerika. Er war jedes Jahr in der Nacht vor Allerheiligen aus Amerika gekommen, um Gretas Mutter zu besuchen. Dann wurde er zu alt und die Reise zu beschwerlich. Im gleichen Jahr als Gretas Mutter starb und Leana geboren wurde, klopfte es am Halloweenabend an der Tür des blauen Hauses. Als Greta aufmachte, sah sie Jeremy vor der Türe stehen. Zumindest glaubte sie, dass es Jeremy war. Denn als sie auf ihn zuging, verschwand er plötzlich. Das Unheimliche daran aber war der Brief, der ein paar Tage später eintraf und in dem stand, dass Jeremy in genau jener Halloweennacht in Amerika gestorben war. So jedenfalls hatte es Oma Greta ihnen erzählt. Leana schauderte es ein bisschen, wenn sie daran dachte und sie war froh, als sie wieder im sonnigen Burghof standen.

Leana und Mika – Spuk auf Burg Katzenstein, Kapitel 2

Mika stand neben seiner großen Schwester Leana und schaute an der Mauer des mächtigen Turmes empor. Sein Blick wanderte über die großen, grauen Steinblöcke, immer höher und höher, bis zu den Zinnen und weiter über das Holzdach bis zum Fahnenmasten hinauf. Dort flatterte eine rote, dreieckige Fahne mit dem goldenen Wappen von Burg Katzenstein im Wind. Die Sonne schien warm und ein leichter Wind pustete kleine, weiße Wölkchen über den tiefblauen Himmel über ihm.
„Oh, Mann!“, dachte Mika. „Der Turm ist aber verdammt hoch!“
Allein beim Gedanken, da jetzt hochzusteigen, rutschte ihm sein Herz in die Hosentasche. Er hörte nicht, wie Herr Flinspach der Gruppe erklärte, dieser Bergfried sei mit seinen 40 Metern der höchste Turm weit und breit. Es war Mika auch völlig egal, ob die dicken Mauern aus Buckelquadern bestanden und der Turm einen achteckigen Grundriss hatte. Er spürte nur noch wie die Angst sich in seiner Brust sammelte und langsam seinen Hals hinaufkroch.
„Von da oben sieht man bestimmt bis nach Hause!“, rief seine Schwester.
„Was?“, murmelte Mika und schaute immer noch wie gebannt auf die Turmzinnen.
„Erde an Mika!? Erde an Mika!?“, lachte Leana.
Jetzt endlich löste Mika seine Blick vom Turm und sah seine Schwester fragend an.
„Komm mit!“, rief Leana begeistert und zerrte Mika am Ärmel.

Sie mussten sich beeilen, um Papa und die andern Urlaubsgäste einzuholen, die gerade Herrn Flinspach in das alte Fachwerkhaus neben dem Bergfried folgten. Das Gebäude schmiegte sich wie ein Katze an den Turm. Früher war es mal eine Schmiede, wie das Schild am Eingang verriet, doch seit Burg Katzenstein Ferienwohnungen vermietete, wurde das Gebäude als Lagerraum für die Getränke benutzt.
Herr Flinspach führte die Gruppe in den 2. Stock hinauf, vorbei an unzähligen, vollen und leeren Getränkekisten. Wie jeden Samstag nahm Herr Flinspach die neu angekommenen Gäste auf diesen Rundgang mit. Er war ein älterer Herr mit vielen Falten im Gesicht und einem fröhlichen Lachen. Er fuhr sich mit den Händen durch seine grauen Wuschelhaare, rückte seine Brille zurecht und nahm einen großen, klirrenden Schlüsselbund mit den unterschiedlichsten Schlüsseln aus seiner Jackentasche. Es dauerte eine ganze Weile, bis er den richtigen für die Eichentüre erwischte. Der dunkel angelaufene Schlüssel knirschte beim Drehen in dem alten, verrosteten Schloss und mit einem lauten Knirschen öffnete sich die schwere Tür zum Bergfried.

Aus dem Innern wehte ihnen ein kalter, muffiger Windstoß entgegen. Drinnen roch es nach altem Holz und nur zögerlich folgte Mika der Gruppe ins Halbdunkle hinein.
Alle versammelten sich um Herrn Flinspach, der mit einer Taschenlampe auf eine kleine Falltür im Holzboden leuchtete.
„Das hier, ist das Angstloch.“ Er zog an dem großen Eisenring und klappte die Falltüre auf. Herr Flinspach leuchtete in das schmale, dunkle Loch, aber Mika stand zu weit weg, um etwas erkennen zu können.
„Manche glauben, dass im Mittelalter da unten das Verlies war und man die Gefangenen mit einem Seil hinunterließ, die natürlich mächtig Angst hatten, dass sie für immer dort unten eingesperrt seien – aber Beweise dafür gibt es nicht“, erklärte Herr Flinspach.
„Da unten sind echt keine Knochen von Gefangenen, die man vergessen hat?“, wollte ein neugieriger Junge wissen und versuchte im Strahl der Taschenlampe etwas zu erkennen.
„Nein, keinen einzigen Knochen, nicht mal einen Zahn!“ Herr Flinspach schüttelte den Kopf. „Man hat hier wohl eher Vorräte oder Munition gelagert.“
„Aber warum heißt es dann Angstloch?“, wollte Mikas Papa dann doch wissen.
„Das Wort Angstloch kommt wohl eher von angustus“, erklärte Herr Flinspach. „Das ist lateinisch und bedeutet soviel wie eng.“
Eng war das Loch auf jeden Fall und Leana nickte mitfühlend, denn für sie war eng dasselbe wie Angst, hatte sie doch immer wieder diese Angst vor engen Räumen wie zum Beispiel Aufzügen. Zum Glück gab es auf Burg Katzenstein keine Aufzüge.
Herr Flinspach knipste die Taschenlampe aus und machte die Falltüre wieder zu. Er forderte die Gruppe auf ihm die Treppe hoch auf den Turm zu folgen und die polternd stapften alle noch oben.

Mika ging als Letzter. Er konnte kaum die Stufen vor sich erkennen und bei jedem Schritt knarzte das alte Holz unter dem Gewicht seiner Schritte, als ob es vor Schmerzen aufstöhnen würde. Die Treppe führte steil und gerade nach oben bis zur nächsten Zwischendecke. Dort angekommen, durchquerte Mika den leeren Raum, um auf der anderen Seite die nächste Treppe langsam hochzusteigen.

Dieser Urlaub, würde der Beste werden. Eine richtige, echte Burg. Papa hatte ihm und Leana die Neuigkeit vorgestern zugeflüstert und es war verdammt schwer gewesen die Vorfreude vor Tante Vicki zu verbergen. Mika fand Tante Vicki eigentlich ganz in Ordnung, sie war auf jeden Fall lustig und ziemlich schräg drauf, aber auch sehr nervig. Sie wollte immer und überall dabei sein. Sie ließ Leana nicht mal alleine mit dem Roller zum Bäcker fahren und wenn Mika mit einem Freund auf der Wiese neben dem Spielplatz kicken wollte, ging sie ungefragt mit. Am schlimmsten war aber, als sie die Gutscheine für den Freizeitpark verlegt hatte und sie alle zuhause bleiben mussten. Hier auf der Burg konnte er nun jeden Winkel alleine erkunden und Papa würde mit ihnen sogar zur Sommerrodelbahn gehen. Wenn nur Mama auch hätte mitkommen können. Mika vermisste seine Mama sehr, vor allem wenn er ein bisschen Angst hatte, so wie jetzt.

Die anderen Kinder, ihre Eltern und Herr Flinspach waren inzwischen schon mindestens zwei Stockwerke weiter. Mika blieb mitten auf dem dritten Treppenabschnitt stehen. Er hörte sein Herz wild klopfen und die Angst schnürte ihm den Hals immer weiter zu.
Ich geh da jetzt hoch, dachte er trotzig. Er nahm einen tiefen Atemzug und allen Mut zusammen und stapfte Stufe um Stufe weiter hinauf.

Die Burg war sogar noch besser, als er es sich vorgestellt hatte, also abgesehen von diesem blöden Turm. Allein der verwilderte Burggraben versprach jede Menge Abenteuer. Normalerweise wären sie wie jedes Jahr zu Tante Emma an den Bodensee gefahren. Immer waren Oma Greta und Tante Vicki dabei und inzwischen kannten sie dort jeden Meter und jedes Fleckchen. Nicht einmal eine Katze hatte Tante Emma.

Er hatte inzwischen zwei weitere Treppenabschnitte geschafft. Seine Hände waren tief in die Taschen seiner Kapuzenjacke vergraben und seine schwitzenden Finger ertasteten darin kleine Steinchen, eine Eichel, zwei weiche Rosenblüten und einen piksenden Tannenzapfen. Das waren alles Dinge, die er bei seinem ersten Streifzug durch den Burggraben eingesammelt hatte. Immer wieder rollte und drehte er sie mit seinen Fingerkuppen. Es beruhigte ihn ein bisschen und lenkte von den nächsten Stufen ab.
Doch nun blieb er wieder stehen und lauschte. Er hörte das Poltern von Schritten und vernahm Stimmen, konnte aber nicht mehr verstehen, was sie sagten. Durch ein schmales Fensterloch in der dicken Turmmauer kam etwas Licht und Mika sah die nächste Treppe hoch. Winzige, kalte Schweißperlen rollten glänzend von seiner Stirn und verfingen sich in seinen Augenbrauen. Mika wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Seine Turnschuhe waren wie festgeklebt und seine Beine so schwer wie Felsbrocken. Sein Hals war wie zugeschnürt und ihm wurde schwindelig. Er konnte nicht mehr weiter hochsteigen. Ausgeschlossen. Mika schloss die Augen, aber es half nichts. Als er seine Augen wieder öffnete war die Angst immer noch da und immer noch genauso riesig. Sie umschlang ihn und drückte seinen Brustkorb noch fester zusammen.

Er schnaufte tief ein, dann aus und drehte sich langsam um. Stand da jemand an der anderen Treppe? Er kniff noch einmal die Augen zusammen, aber die Gestalt verschwand nicht. Er sah sie jetzt sogar etwas deutlicher. Es war ein Mädchen, vielleicht so alt wie Leana, und sie lächelte Mika freundlich an. Vorsichtig machte er ein paar Schritte auf sie zu.
Sie stand genau auf der obersten Stufe der Treppe und als Mika näher kam, konnte er an ihren Füßen vorbei die Treppe hinunter schauen. Oh! Das ging aber ganz schön tief runter! Vor lauter Sorge, dass er es nicht hoch schaffen würde, hatte er das Hinunter total vergessen. Bald würden die anderen Kinder zurück kommen. Sie würden ihn auslachen, weil er einfach so da stand und sie würden nie und nimmer verstehen, warum er nicht weitergehen konnte, weder hoch, noch runter. Vielleicht würde Leana ihm was zu Essen bringen und eine Decke, weil er müsste ja für immer hier oben bleiben.

Das Mädchen sah ihn noch immer lächelnd an. Sie drehte sich nicht um, sondern ging nun langsam rückwärts die Stufen hinunter. Gleichmäßig setzte sie einen Fuß nach dem anderen auf die nächsttiefere Stufe, immer den Blick auf Mika gerichtet, der noch immer wie angewurzelt am oberen Treppenende stand. Sie winkte ihm aufmunternd zu, er solle ihr folgen. Mika überlegte. Okay. Eigentlich war das eine ziemlich gute Idee, das mit dem Rückwärtsruntergehen, so müsste er nicht in die Tiefe starren und vielleicht würden dann auch seine Beine wieder funktionieren.
Er drehte sich vorsichtig um und machte es dem Mädchen nach. Es klappte erstaunlich gut. So gut, dass er nach und nach immer schneller wurde. Eigentlich hätte er sie spätestens beim letzten Treppenabschnitt einholen müssen, aber als er sich am Treppenende umdrehte, war niemand mehr zu sehen. Schade, dabei wollte er sich doch bei ihr bedanken und nach ihrem Namen fragen.

Mika ging durch die Lagerräume hinaus ins Freie und setzte sich auf die Pflastersteine im Burghof, um auf die anderen zu warten. Seine Knie waren immer noch weich wie Pudding und er brauchte erst mal festen Boden unter den Pobacken. Eine kleine Katze stupste ihn mit dem Kopf an. Mika streichelte ihr weiches Fell. Bis auf den grauen Schwanz und drei graue Pfoten war sie komplett weiß. Sie kuschelte sich in Mikas Schoß und schnurrte wohlig. Mika überlegte eine Weile und beschloss dann, das kleine Kätzchen ‘Flocke’ zu nennen.

Leana und Mika – Spuk auf Burg Katzenstein, Kapitel 1

Mika knuffte seine große Schwester mit dem Ellenbogen. „Glaubst du, sie hat etwas gemerkt?“, flüsterte Mika ihr verstohlen zu, als Tante Vicki mit ihrer großen, bunten Einkaufstasche aus dem Haus ging.
„Ich glaube nicht“, antwortete ihm Leana leise.
Die Kinder warteten bis das hohe, eiserne Gartentor mit einem metallenen ‘Klack’ ins Schloss fiel.
„Wird sie auch lange genug beim Einkaufen sein?“, fragte Papa nach.
„Bestimmt!“, nickte Leana. „Ich hab ihr jede Menge Krimskrams auf die Einkaufsliste geschrieben. Sie wird in viele verschiedene Läden gehen müssen, bis sie das alles zusammen hat“, sagte Leana und grinste zufrieden.
„Sehr gut“, meinte Papa und schaute sich verstohlen um. „Dann kann ja unsere geheime Mission starten!“
„Au ja!“, rief Mika begeistert. „Psst! Und beeilt euch!“, raunte Papa.
Draußen bellte der Hund von Herrn Christiansen, ihrem Nachbarn gegenüber.
„Ich hole die Koffer und ihr legt eure Kleider aufs Bett“, erklärte Papa. „Sieben Unterhosen, sieben Paar Socken, sieben T-Shirts und so weiter. Auf die Plätze, fertig…“, alle rannten in verschiedene Richtungen los.

Zwanzig Minuten später waren alle drei Koffer gepackt, in der Sporttasche waren die Schuhe und Gummistiefel und in einem Klappkorb waren Spiele, Bücher, CDs, Papas Laptop, Taschenlampen und die Kuscheltiere der Kinder. Papa machte den Kofferraum vom Auto zu. Von Tante Vicki war immer noch nichts zu sehen.
„Ihr könnt jetzt einsteigen!“, rief er ins Haus. Das brauchte man Mika und Leana nicht zwei Mal sagen. Sie stiegen ein und schnallten sich an. Langsam öffnete sich das breite Gartentor vor dem Carport. Auf dem Gehweg saß Ricky, der schwarze Labrador von Herrn Christiansen und wedelte freudig mit dem Schwanz. Papa rollte aus dem Carport heraus und bog in die Lysanderstraße ein. Das Gartentor schloss sich automatisch hinter ihnen.
Als sie auf der Hauptstraße Richtung Autobahn fuhren, meinte Leana kurz sie hätte Tante Vickis bunten Schal und ihre geblümte Einkaufstasche gesehen und kurz meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Was wird Tante Vicki wohl sagen, wenn sie zurückkommt und niemand mehr da ist?
Leanas Gedanken wurden von Mikas lautem Singsang unterbrochen. „Wir fahren zur Burg Katzenstein! Wir fahren zur Burg Katzenstein!“

Tante Vicki stellte ihre Einkaufstasche auf den Küchentisch und hielt inne. Sie horchte. Es war viel zu still. Das Fenster war halb geöffnet und sie hörte die Vögel im Kirschbaum zwitschern und den Briefträger mit seinem quietschenden Fahrrad. Sie hörte hin und wieder die Deckel der Briefkästen klappern, einen Hund bellen oder ein Auto vorbeifahren. Sonst nichts. Es war der erste Ferientag in den Pfingstferien und Tante Vicki hätte eigentlich erwartet, dass Leana und Mika lautstark durchs ganze Haus tobten und Papa Alex wie jeden Samstag im Keller sägte und bohrte – oder zumindest ab und zu laut fluchte, wenn etwas nicht so richtig klappte. Aber sie hörte nichts davon. Im Haus war es mucksmäuschenstill. Sie schaute in Leanas Zimmer, aber es war leer. Der Schreibtisch war aufgeräumt, die Zeitschriften und Bücher ordentlich im Regal und ihr Schlafanzug lag zusammengefaltet auf der glatten Bettdecke. Auch Mikas Zimmer war leer und aufgeräumt. Irritiert blieb sie an der Türschwelle stehen und ließ ihren Blick ein weiteres Mal durch den Raum schweifen. Sonst war es hier nie so ordentlich. Gewöhnlich musste man sich seinen Weg durch von Dinosauriern besiedelte Legolandschaften kämpfen und sich immer wieder ducken, um nicht an die, von der Decke hängenden Raumschiffe und Raketen, zu stoßen. Nun war alles in Kisten verstaut, sogar die Laserschwerter und Roboter lagen im Regal. Doch andere Sachen fehlten. Mikas Stofftiger lag nicht auf seinem Bett, auch viele seiner CDs waren verschwunden. Bei Leana fehlte die Tasche mit den Badesachen und Pfitzi, ihr Plüschhund. Das war seltsam.

Tante Vicki warf einen kurzen Blick in das Schlafzimmer von Oma Greta, ihrer Schwester, aber die war ja seit vier Wochen bei Leanas und Mikas Mama in der Reha-Klinik. Auch im Elternschlafzimmer war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Erst im Badezimmer dämmerte es Tante Vicki, was los war. Die Zahnbürsten von Leana, Mika und Papa Alex fehlten, dazu Zahnpasta, Seife, Shampoo und Papas Rasierer.
Tante Vicki eilte die Treppe nach unten. Im Vorbeigehen bemerkte sie noch die fehlenden Koffer auf dem Garderobenschrank, sie rannte zur Tür hinaus und stand vor dem leeren Carport. Sie waren weg. Alle drei. Einfach so.
„Das hast du ja mal wieder super hinbekommen!“, sagte Tante Vicki leise zu sich selbst. Sie hatte Greta doch versprochen auf die Kinder ganz besonders aufzupassen. Und nun waren die drei mit Sack und Pack weggefahren ohne ihr etwas zu sagen, regelrecht ausgetrickst hatten sie Tante Vicki. Jetzt wusste sie auch, warum auf ihrer Einkaufsliste so komische Dinge wie Kirchererbsen, Zahnseide und lila Schnürsenkel standen. Damit wollten die drei wohl sicher gehen, dass sie lange genug beim Einkaufen war, damit sie sich heimlich davonstehlen konnten. Der Plan war aufgegangen.

Tante Vicki ging zurück ins Haus und setzte sich an den Küchentisch. Sie musste nachdenken.
Letzten Oktober hatte Leanas und Mikas Mutter einen sehr schweren Unfall gehabt. Sie lag lange Zeit im Koma und als sie wieder aufwachte, konnte sie ihre Beine nicht mehr bewegen. Inzwischen wurde sie in einer speziellen Reha-Klinik behandelt und Oma Greta war bei ihr. Deshalb war Tante Vicki vorübergehend in das blaue Haus in der Lysanderstraße eingezogen. Sie brachte die Kinder morgens zur Schule, ging Einkaufen, kochte und machte den Haushalt. Was sie den Kindern und Papa Alex verschwiegen hatte, war, dass sie auch zu deren Schutz da war. Keins der Kinder durfte alleine irgendwohin gehen. Natürlich hielten die Kinder die Tante für eine Plage und auch Papa Alex nervte die ständige Einmischung. Irgendwie verständlich, dass ihm das zu viel wurde und er nun heimlich mit seinen Kindern davon gefahren war.

Tante Vicki seufzte. Sie musste herausbekommen, wo die drei jetzt waren. Zuerst versuchte sie es auf dem Handy von Alex, aber es meldete sich nur die Mailbox. Sie hinterließ eine Nachricht, dass er dringend zurückrufen soll.
Da entdeckte sie einen leeren Notizblock neben dem Telefon. Tante Vicki nahm einen weichen Bleistift und fuhr vorsichtig über das oberste Blatt. Eine Telefonnummer wurde sichtbar. Papa hatte zwar seine Notiz vom Block abgerissen, aber der Stift hatte bis auf das Blatt darunter gedrückt. Tante Vicki wählte die Nummer. Nach dem dritten Klingeln wurde abgenommen und Tante Vicki hörte eine freundliche Frauenstimme: „Burg Katzenstein bei Neuenstein, sie sprechen mit Frau Mälzer.“
Bingo! Jetzt musste Tante Vicki nur noch mit Oma Greta besprechen, was sie als nächstes tun sollten. Sie wählte Gretas Nummer auf ihrem Handy und ging nach draußen in den Garten und über die Straße. Vielleicht wäre es ganz nützlich Herrn Christiansen einen Besuch abzustatten, wer weiß, was er vielleicht beobachtet oder gehört hatte.

Sie hatten gerade die Autobahn verlassen, als Mika Burg Katzenstein schon in der Ferne entdeckte. Sie lag hoch oben auf einer felsigen Bergkuppe und überblickte von dort die Wiesen, Wälder und Weinberge der hügeligen Landschaft um sie herum. Die Straße führte entlang eines kleinen Flüsschens im Tal und bei jeder schwungvollen Kurve wurde es Mika ein bisschen übel und der Müsliriegel in seinem Magen machte einen weiteren Purzelbaum. Im Dorf zeigte ein kleines, braunes Schild den Weg zur Burg.
Die Straße war schmal und wandte sich wie eine Schlange in engen Bögen steil nach oben. Mika war heilfroh, als sie endlich über die Zugbrücke fuhren, durch das große Burgtor hindurch und über Pflastersteine in den Burghof holperten. Vom Lärm aufgeschreckt huschten zwei getigerte Katzen schnell um die nächste Mauerecke. Vor ihnen ragten die imposanten Mauern des Hauptgebäudes empor. Die hölzernen Fensterläden an den vielen kleinen Fenstern waren mit roten und weißen Streifen bemalt. Die Burgmauer hatte Zinnen, die immer wieder von kleinen Türmchen unterbrochen wurden und oben auf dem großen Turm wehte eine rote Fahne mit drei Katzen darauf.
Ja, so musste eine echte Burg aussehen.