Mika konnte nicht einschlafen. Er lag im Bett und starrte auf das fahle Steifenmuster, das der Vollmond durch die Spalten der Fensterläden warf. Auch Leanas gleichmäßiges Schnaufen machten ihn kein bisschen schläfrig. Das Kissen war zu dick, die Matratze zu weich und jedes Mal, wenn er sich nur ein bisschen bewegte, quietschte das Bett fürchterlich. Er hörte Papas Schritte, als dieser im Wohnzimmer mit seinem Laptop hin und her ging, um den besten Empfang für das Internet zu finden. Als Papa schließlich den großen Sessel ans Fenster schob, knarzte es laut und Papa horchte erschrocken auf, ob eines der Kinder davon aufgewacht war. Wie auch, Mika hatte ja noch keine Sekunde geschlafen. Leana dagegen brummelte nur leise im Schlaf.
Jetzt hörte Mika das Tippen auf der Tastatur und das leise Klicken der Maus. Durch die angelehnte Tür fiel ein schwacher Lichtschein und er drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Die kleine Glocke der Burgkapelle schlug drei Mal, es war dreiviertel zehn.
„Wie geht es dir Schatz?“, hörte Mika seinen Papa leise fragen. Er telefonierte mit Mama und Mika krabbelte aus dem Bett und spickte vorsichtig durch den Türspalt.
„Kribbeln in den Beinen ist gut, oder nicht?“, fragte Papa besorgt.
Mika konnte nicht hören was Mama sagte, aber Papa freute sich über ihre Antwort. Mama ging es also besser! Mikas Herz machte einen kleinen Freudenhüpfer.
„Deinen Schnuckelputzels geht es prächtig“, antwortete Papa nun. „Die finden es hier auf der Burg ‘total geil’.“
Schnuckelputzels! Mika und Leana mochten es ganz und gar nicht, wenn Mama sie so nannte. Jedes Mal entrüsteten sie sich lauthals, was zu noch verrückteren Bezeichnungen führte und damit endete, dass alle einander kitzelten und sich lachend auf dem Fußboden rollten. Mika musste grinsen, wenn er daran dachte. Es wäre toll, wenn Mama jetzt bei ihnen wäre und sie dürfte auch die ganze Zeit Schnuckelputzel zu ihm sagen. Aber das ging ja leider nicht.
„Ähm…..“, stotterte Papa nun und machte ein schuldbewusstes Gesicht. „Also, Tante Vicki – die, ähm, die haben wir nicht mitgenommen“, gab Papa beschämt zu. Verlegen spielte er mit dem Socken, den Oma ihm als Hülle für sein Handy gestrickt hatte.
„Ist Greta gerade bei dir?“, fragte er dann vorsichtig.
Es folgte eine längere Pause. Anscheinend sprach nun Oma Greta mit Papa. Dieser sah immer betretener drein und ließ die Standpauke über sich ergehen.
„Ja, Greta“, versicherte Papa. „Ja, ich verspreche, ganz besonders auf die Kinder aufzupassen.“ Papa nickte, obwohl Oma ihn ja gar nicht sehen konnte.
„Ja, sie haben beide ihre Halsketten an und ja, natürlich ruf ich dich sofort an, wenn irgendetwas Ungewöhnliches passieren sollte“, beteuerte Papa, schüttelte dabei aber irritiert den Kopf.
Mika konnte genauso wenig verstehen, warum Oma so ein Aufhebens um die ganze Sache machte und was ist bitteschön ‘etwas Ungewöhnliches’?
Papa verabschiedete sich und legte auf.
Mika schlich wieder zurück ins Bett und dachte noch lange über das Telefongespräch nach. Er hörte noch die kleine Glocke elf Uhr schlagen, bevor auch er hinab ins Reich der Träume glitt.
Mika schreckte auf. Er hatte eine schlimmen Alptraum gehabt, in dem Gespenster ihn auf einen hohen Turm jagten, bis ganz nach oben. Dann begannen sie zu pusten und der Turm drohte einzustürzen. Er rutschte über den Rand der Mauer und hielt sich an einer Zinne fest. Doch der Turm neigte sich immer weiter und er verlor den Halt. Er fiel und fiel und wachte zum Glück in diesem Moment auf. Sein Herz raste und seine Haare klebten nassgeschwitzt am Kopf. Er wälzte sich aus dem Bett und öffnete die Tür. Im schwachen Licht sah er, dass Papa im Sessel eingeschlafen war und leise schnarchte. Er tapste zurück und tastete mit den Händen nach Leanas Bett. Normalerweise wäre er ja zu Mama ins Bett geschlüpft, aber die war ja nicht da. Er hob vorsichtig die Decke und kuschelte sich an Leana. Natürlich wachte Leana kurze Zeit später auf und bemerkte, dass sie nun ganz dringend mal auf die Toilette musste. Also krabbelte sie über ihren Bruder und aus dem Bett.
Ein spitzer Aufschrei aus dem Bad ließ Mika zusammenfahren. Er lief schnell aus dem Kinderzimmer und stieß mit Papa zusammen, als dieser sich schlaftrunken aus dem Sessel erhob. Sie fanden Leana im Bad. Barfuß und leicht zitternd stand sie in ihrem lila Nachthemd auf dem Klodeckel. Sie zeigte mit dem Finger auf den Boden neben der Dusche.
„Da! Da war eine Maus!“ Leana fuchtelte wild mit ihrem Arm.
„Du hast Angst vor einer Maus?“, fragte Papa verschlafen und verwirrt.
„Nein, Mäuse sind süß, aber die, die hat mich fürchterlich erschreckt“, sagte Leana und schnappte dabei immer noch etwas nach Luft.
Sie kletterte wieder auf den Boden und alle suchten nun gemeinsam nach der Maus. Mit den Fingern fühlten sie an den Leisten entlang und bohrten vorsichtig mit dem Finger in jede Ritze, doch nirgends war eine Maus oder ihr Mauseloch zu finden. Leana musste sich getäuscht haben.
„Es war eine Maus. Da bin ich mir ganz sicher!“, bekräftigte sich noch einmal.
Papa war müde und meinte, dass sie wahrscheinlich nur einen Schatten gesehen hätte, da die Energiesparlampe erst nach ein paar Minuten richtig hell leuchten würde. Sie suchten trotzdem weiter.
„Und ich hatte doch recht!“, rief Leana plötzlich triumphierend. „Es war eine Maus! Nein, es ist eine Maus – und was für eine!“
Mika und Papa schauten auf. Leana zeigte auf ein kleines, braunes Ding, dass kopfüber am Holzbalken über ihnen baumelte. Leana hatte keine Feld- oder Hausmaus gesehen, sondern eine Fledermaus. Ihre ledernen Flügel waren wie ein trockenes Blatt um ihren pelzigen, braunen Körper gewickelt. Sie musste durch das halb geöffnete Fenster herein geflogen sein.
„Und wie bekommen wir sie wieder raus?“, fragte Mika.
„Wir machen das Fenster weit auf und lassen sie einfach in Ruhe. Bestimmt wird sie von alleine wieder hinaus finden“, meinte Papa zuversichtlich.
Es dauerte eine ganze Weile, bis alle nach dieser Aufregung wieder eingeschlafen waren.
Es war auch der Grund, warum am nächsten Morgen keiner den Wecker hörte und alle verschliefen. Mika wachte als Erster auf und ging ins Bad, um kurz darauf lautstark zu verkünden, dass die Fledermaus nun nicht mehr da sei. Nach dem Frühstück war es dann zu spät, um noch einen Ausflug zu machen. Papa beschloss daher, dass es besser wäre auf der Burg zu bleiben. So könnten sie später noch bei der Hochzeit zusehen.
Die Sonne hatte die letzten Nebelschwaden weggebrannt. Die Katzen schliefen auf den von der Sonne angewärmten Treppenstufen zum Palas und Leana war froh, dass sie ihre Jacke gleich in der Ferienwohnung gelassen hatte. Die kleineren Kinder rumpelten mit den Kettcars über das Kopfsteinpflaster während Frau Mälzer eine Rosengirlande über der Kapellentür befestigte. Die großen Jungs und zwei ältere Mädchen saßen in der Nähe der Feuerstelle und Mika und Leana spielten mit Tim, Sarah, Merit und Jan Verstecken. Papa hatte es sich mit der Samstagszeitung auf der Bank neben dem alten Ziehbrunnen gemütlich gemacht. Am Brunnen war auch das Abschlagmal, an dem Merit stand und mit geschlossenen Augen langsam auf 50 zählte.
Leana lief über die warmen Pflastersteine des Burghofs in den kühlen Schatten des großen Burgtors. Links und rechts konnte man in zwei kleine, hohe Räume schlüpfen, die weit oben einen langen, tiefen Spalt hatten und durch die früher die schweren, eisernen Ketten der Zugbrücke führten. Die hölzerne Zugbrücke war inzwischen einer geteerten Steinbrücke gewichen und statt der eisernen Ketten fand Leana dort nur Sarah und Jan versteckt. Also musste sie sich schnell ein anderes Versteck suchen.
Sie hörte Merit rufen: „50! Ich komme!“
Vorsichtig lugte Leana nach draußen, Merit schaute in die andere Richtung und Leana glitt aus dem Schatten des Burgtors, lief auf die andere Seite der Zugbrücke und ließ sich auf den Popo fallen. Über trockene, lose Erde rutschte sie in den Burggraben. Es kam ihr so vor, als ob sie in eine fremde Welt eintauchte. Plötzlich waren die Rufe der Kinder, das Rattern der Kettcarräder auf den Pflastersteinen im Burghof und das trällernde Radio in einer der Ferienwohnungen verstummt. Leana bahnte sich einen Weg durch die Holunderbüsche mit ihren breiten, weiß-gelben Blütendolden. Ein kleiner, ausgetretener Pfad führte rings um die Burg und die Luft war schwer vom Duft der blühenden, violetten Fliederbüsche und Kletterrosen. In der warmen Sonne standen kleine Pfirsichbäume und ihre Baumkronen schienen vom Summen der Bienen in ihren rosafarbenen Blüten zu vibrieren. Immer wieder verhedderte sich Leana in den langen Ranken des Efeus, die über den Pfad wuchsen und sich in den Ritzen der Burgmauer festkrallten. Ihre herzförmigen, dunkel glänzenden Blätter reichten an vielen Stellen bis zu den Zinnen empor. Leana vergaß das Versteckspiel. Sie setzte sich auf den Weg, mitten zwischen Schafgarbe und Kamille und beobachtete die kleinen Krabbler zwischen den Stängeln auf ihren sechs, acht oder hundert Beinen. Transparente Flügel blitzten im gleisenden Sonnenlicht und ab und an sah sie die silbrig-blau schwirrenden Flügel einer Libelle.
Da raschelte es hinter ihr und Leana blickte erschrocken über ihre Schulter. Ihr fiel wieder ein, dass sie sich ja eigentlich ein Versteck suchen wollte und fragte sich, ob Merit sie bereits gefunden hatte. Aber sie konnte niemand entdecken. Sie spürte ihr Herz laut pochen. Wieder hörte sie das Rascheln. Sie drehte sich um und stand auf. Es kam vom Holunderstrauch, aber die Sonne blendete sie so stark, dass sie in dessen Schatten nichts erkennen konnte. Vielleicht war es ein Hase. Oder ein Katze. Vielleicht auch nur eine Amsel, die im Laub wühlte. Vorsichtig ging sie näher und machte dann einen Riesensatz zurück, als ihr plötzlich zwei große Augen entgegen funkelten.
Langsam wich sie zurück, Schritt für Schritt. Egal was dort saß, Leana wollte es auf keinen Fall reizen und ihm einen Anlass geben sie anzufallen. Die Augen schauten sie noch immer unverwandt an, als sich die Silhouette eines schwarzen, großen Hundes aus dem Dunkeln des unförmigen Schattens unter dem Strauch löste.
Leana hielt sich immer für sehr hundelieb und hatte keine Angst vor ihnen, aber plötzlich so ganz allein einem so großen Hund gegenüberzustehen war ihr unheimlich. Weit und breit war niemand zu sehen, dem der Hund vielleicht gehörte.
„Wuff!“
Leana erstarrte. Ein leise Stimme in ihrem Kopf befahl ihr zu laufen, während eine andere immer wieder flüsterte ‘Abwarten! Ruhig bleiben!’
Der Hund war nachtschwarz, aber seine Augen waren hellblau, wie die eines Huskies. Er hatte ein hellgrünes Halsband, das ihm ziemlich lose um den Nacken hing. Also gehörte er doch jemandem. Irgendwie kam Leana der Hund so merkwürdig vertraut vor. Es sah fast genauso aus, wie Ricky, der schwarze Labrador ihres Nachbarn. Ricky hatte auch blaue Augen und ein grünes Halsband. Komisch.
„Eins, zwei, drei, ich seh dich Leana!“, rief Merit von der Zugbrücke herunter.
Als Leana wieder auf den Holunderstrauch sah, war der Hund verschwunden, nur ein paar dornige Brombeerranken schaukelten verräterisch hin und her.
Leana ging zurück und kletterte die Böschung wieder hinauf.
„Jetzt fehlt mir nur noch dein kleiner Bruder“, meinte Merit und zusammen gingen sie zurück in den Burghof, wo Tim, Jan und Sarah schon am Brunnen warteten.
Papa meinte, dass sie in einer Viertelstunde zu Mittag essen wollten und die Kinder beschlossen, dass sie sich aufteilen und alle nach Mika suchen sollten.
Mika hatte Leana erzählt, dass Flocke, die kleine Katze so gerne im Kräutergarten der Burg auf einer Treppe schlief, deshalb versuchte es Leana dort zuerst.
Hinter der Grillstelle gab es einen engen Durchgang in der Burgmauer und über eine schmale Steintreppe gelangte man in den Kräutergarten. Die Burgmauer bildete an dieser Stelle ein flaches U, in dem der Garten eingebettet lag. Die offene Seite war von einer zweiten, etwas niedrigeren Mauer geschützt.
Tatsächlich konnte Leana eine weißes Kätzchen auf der obersten Stufe einer Steintreppe entdecken, die seitlich an der Burgmauer hoch ging und oben im Mauerwerk endete. Falls dort jemals eine Türe oder ein Durchgang war, wurde er vor langer Zeit zugemauert.
„Mika!“, rief Leana und schaute sich um.
Die Rhabarberblätter teilten sich und ein brauner Wuschelkopf kam zum Vorschein.
„Ich dachte, Merit muss suchen!“, wunderte sich Mika.
„Wir essen gleich, komm mit“, sagte Leana und Mika krabbelte aus seinem Versteck heraus.
„Schau mal!“, Leana deutete auf das Mädchen, das zwischen Rosenstrauch und Steintreppe an der Mauer stand. „Spielt die auch mit?“
„Sie hat sich jedenfalls nicht besonders gut versteckt“, bemerkte Mika.
„He du!“, rief Leana. „Spielst du auch mit beim Verstecken?“
Das Mädchen drehte sich zu den Kindern um und lächelte.
„Oh! Das ist das Mädchen aus dem Turm!“, rief Mika aufgeregt. Jetzt konnte er sich endlich bedanken und nach ihrem Namen fragen. Er lief auf sie zu, doch plötzlich stoppte er. Das Mädchen hatte sich in Luft aufgelöst.
„Sie ist weg!“, entfuhr es Mika.
Leana schaute ungläubig auf die leere Stelle neben dem Rosenbusch.
„Wo ist sie hin? Und woher kennst du sie?“, fragte Leana.
Mika erzählte seiner Schwester, wie das Mädchen plötzlich im Turm aufgetaucht war. Er ließ den Teil weg, als sie ihm zeigte, wie er wieder vom Turm herunter steigen könnte und endete damit, dass das Mädchen, genau wie eben, auf einen Schlag nicht mehr da war.
Sie hörten die anderen Kinder nach ihnen rufen und einigten sich, dass sie den anderen am Besten nichts davon erzählen sollten. Schnell liefen sie zurück.